KV3000

Eine kleine Zombie-Apokalypse

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Man kann nicht sagen, dass sich das Leben in allen Bereichen verschlechtert hätte. Dass Simons Chef jetzt einer der Zombies war, hatte zum Beispiel einen deutlich entspannteren Arbeitsrhythmus zur Folge. Also ja, Simon ging halt einfach nicht mehr hin, auch aus Sicherheitsgründen.

Dabei hatten sie mit dem Chef wirklich Glück gehabt. Er war nunmal immer ein Arschloch gewesen, bei ihm waren die „psychischen Warnsignale“, wie die WHO sie nannte, einfach zu offensichtlich. Als der Chef an diesem Dienstag die Hand zu einem High-Five erhob, hat ihn Nele aus der Buchhaltung sofort mit einem Tritt in die Weichteile außer Gefecht gesetzt. Die Studienlage zum Schmerzempfinden und zur Persönlichkeitskonsistenz in der „Suchphase“ ist weiterhin Gegenstand der Forschung, aber was auch nicht von der Hand zu weisen ist: Ethik allgemein ist eher so ein mittel beliebtes Instrument während Zombie-Apokalypsen.

Simon und Bianca waren bisher verschont worden. Anfangs lag es einfach daran, dass sie beide unbeliebt waren, aber als nach rund einer Woche erste Warnungen aufkamen und über die neue Krankheit spekuliert wurde, haben sie bewusst Abstand gehalten. Inwzischen teilten sie sich Biancas Wohnung, die war strategisch praktischer gelegen und sie konnten sich bei Bedarf die Verteidigung in Schichten einteilen, auch wenn das bisher nicht nötig war.

Wie ungefähr auch der ganze Rest der Welt hatten die beiden sich unter einer Zombie-Apokalypse etwas wesentlich dramatischeres vorgestellt. Jeder hatte „The walking dead“ auf Netflix gesuchtet und auch wenn man in Deutschland nicht ganz so leicht an Waffen kam wie in den USA, so war spätestens beim endgültigen Ausbruch von KV3000 eindeutig klar, dass man sich mit Waffengewalt gegen bösartige Monster würde verteidigen müssen. Nun waren es aber vor allem Staubsauger, die zum Sinnbild des menschlichen Überlebenskampfes werden sollten.

Noch bevor der Wirkmechanismus des Virus völlig verstanden war, war die Sache mit den Kätzchen klar. Sie waren die Überbringer des ganzen Schlamassels und da waren Staubsauger eben die naheliegende erste Wahl.

„Wir haben kaum was zu essen, wir sollten wirklich so langsam mal raus!“

Da hatte Bianca schon recht. Sie hatten nämlich auch Glück mit ihrem Stadtteil, hier waren die Leute schnell zu Zombies geworden, was bedeutete, dass die meisten nur noch nervten, aber keine große Gefahr mehr darstellten. Der internationale Verbund von Wissenschaftlern, der KV3000 erforschte, war in der Auffassung über die Anpassungsfähigkeit des Erregers über eine erste Welle der Begeisterung schnell zu zweckmäßiger Ernüchterung gekommen. Steve Brendand, 74, Dentalanalytiker und komissarischer Leiter nach mehreren „Ausfällen“ im Gremium, prägte die Nachrichtenplattformen tagelang, indem er folgendes verkündete:

„Ja, das könnte das Ende der Welt sein, aber es ist ein sehr dummes Ende.“

Das freilich war gekürzt. In ganzer Länge lautete sein Statement wie folgt:

„Ob dieses Virus gefährlich ist? O ja, das könnte das Ende der Welt sein. Wenn Sie mich aber fragen, ob das das aufregendste Virus ist, das ich je gesehen habe, oder ob dieser Erreger besonders gut angepasst oder gar vermeintlich intelligent ist … dann muss ich sagen: Nein. Dieses Ende der Welt ist ein sehr dummes Ende der Welt.“

Aber das bezog sich auf das langfristige Überleben des Virus. An Katzen war er faszinierend gut angepasst und griff in völlig unabhängige Körperprozesse ein: Zunächst lagerte sich virale RNA während des Wachstums in den Haaren an. Dann wurden im Gehirn sowohl Areale für den Sexualtrieb als auch für Furcht und Aggression beinahe zufällig aktiviert und zudem stellte ein bislang noch nicht entschlüsselter Vorgang einige Proteine bei der Haarbildung um, so dass sie deutlich robuster wurden, teilweise sogar eine nahezu stachelartige Struktur bekamen.

Mit den bekannten Folgen: Die Katzen suchten körperliche Nähe, stellten hier und da ihre Haare auf und punktierten einander sehr unauffällig. Durch die schiere Menge an Kontakten war die Übertragungsrate dennoch immens hoch und da die Katzen nach bisherigen Erkenntnissen keine weiterreichenden Symptome entwickelten, wäre das „a subbr Sach fir elle gwä“, wie Professor Gerd Schächtele, Chef-Immunologe in der Uni Stuttgart zu sagen pflegte, bevor er und seine Katze … naja, man kann es sich denken ...

Denn ja: Dann kam der Mensch. Einige Prozesse funktionierten speziesübergreifend erstaunlich gut, rückblickend betrachtet betrafen zum Beispiel die ersten Beschwerden über die neue Krankheit „spitze Haare“ und speziell in Süddeutschland den erhöhten Rasierklingenverschleiß. Das meiste, was sich im Gehirn abspielen sollte … das wurde dann das eigentliche Problem. Anstatt sich wie die kleinen Kätzchen im wesentlichen etwas „stärker zu sozialisieren“ und ansonsten weitgehend sorgenfrei zu leben, wurden die Menschen auffällig. Ja, ein paar Hormone wurden verstärkt ausgeschüttet, etwa 40% der Erkrankten sollen besagte „Suchphase“ mit erkennbar mehr Emotionen und/oder Sozialkontakten deutlich gezeigt haben. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Eine neurologisch-kulturelle Problematik: Man spricht nicht so gerne nett über Leute, die man aus Notwehr erlegen musste.

Bianca und Simon zogen sich die Handschuhe an, die ihre Hauptverteidigung gegen streunende und krankheitsbedingt aufdringliche Stubentiger waren. Laut einem Noterlass des regierenden Bürgermeisters hätten alle Katzen bereits zum Ende letzten Jahres getötet worden sein, aber in der Praxis hatte das natürlich nicht funktioniert. Zum einen weil die Katzenpopulation dank des Virus einen unerwarteten Sprung nach oben machte, zum anderen, weil natürlich viele Katzenbesitzer nicht wahrhaben wollte, dass ihre Maunzis und Schnurrles auch betroffen waren. Viele Mitglieder jenes empathischen Menschenschlags saßen inzwischen halb tot und sabbernd in ihren Sesseln, während sie gar nicht mehr mitbekommen konnten, wie viele Nachfahren ihrer Katzen sich alleine in ihrem Kühlschrank paarten, wo inzwischen aus dem letzten Wocheneinkauf etwas durchaus interessantes und nahrhaftes gewachsen war.

Das mit dem Hinsiechen war auch das eigentlich fiese, weswegen man jetzt all die Zombie-Vergleiche hatte. Ein leidlich schneller Verfall von komplexeren Hirnfunktionen, der vornehmlich dem Energiesparen diente. Eigentlich nicht sonderlich lustig. Zu grundsätzlicher Nahrungsaufnahme waren die meisten Sterbenden noch monatelang fähig, wobei nach kurzen ersten Versuchen einer Eingliederung das komplette Pflegesystem zusammenbrach.

Wie auch sonst eigentlich alles. Die ersten Tage waren es ein paar Notarzt-Einsätze mehr, dann folgte die „obskure Welle“. Etwa der Krankenwagenfahrer, der während seiner Schicht so schwer erkrankte, dass er an der Klinik als Patient aus dem Auto fiel. Oder die vielen vielen Verkehrsunfälle, die drei abgestürzten Kranfahrer und der Jäger, der noch schoß, aber schon nicht mehr wusste, worauf.

Der erste Weg führte auf den Dachboden. Zwei, drei liebestolle Katzen miauten durch die oberen Stockwerke, zu Gesicht bekommen haben Simon und Bianca sie nicht. Um sie herum zeigten die zahllosen Hinterlassenschaften dennoch eindrucksvoll, welch rasanten kurzzeitigen Aufschwung die Hauskatze kurz vor 2020 hatte.

Die Dachgärten hatten sie katzensicher angelegt. Soweit möglich. In den ersten paar Wochen hatten Bianca und Simon einiges dazulernen müssen über die Sprungkraft der Stubentiger. Es war zwar kein offizieller Fall bekannt, in dem jemand sich über Nahrung angesteckt oder ohne Mensch- oder Katzen-Direktkontakt erkrankt war – allerdings waren schon alleine die sechs Leichen hier im Haus Fälle, die es nie in eine offizielle Statistik schaffen würden. Mal ganz davon abgesehen, dass sich binnen weniger Tage auch die Zahl der verfügbaren Wissenschaftler rasch dezimiert hatte.

Bianca öffnete vorsichtig und nach mehrmaligem Umsehen die Tür zum Garten, der von außen eher nach einem wenig interessanten Verschlag aussah, rückwärtig jedoch Sonnenlicht bekam und trotz der schmalen Zugangsseite nahezu zehn Quadratmeter Pflanzfläche aufwies. Wie sie beim Anlegen ihres Alternativgartens richtig gemutmaßt hatten: Ab einem gewissen Punkt waren neben den Zombies und den Katzen auch andere Überlebende ein Problem geworden. Oder wie Simon es sagte: „Nur weil werktags zwischen 12 und 15 Uhr die Website der Polizei Berlin online ist, bedeutet das nicht, dass eine umfassende Gewährleistung des Rechtsstaates etwas ist, das man einer allzu genauen Prüfung unterziehen sollte!“

Sie krochen beide hinein und schlossen die Tür hinter sich. Zumindest Simon erinnerte sich, wie erstaunt er auf einer ihrer ersten Besorgungstouren durch die verwaisten Nachbarwohnungen war, dass er ausgerechnet in Broccoli-Tims Wohnung einen veritablen Vorrat an Vorhängeschlössern und ähnlichen Sicherheits-Features finden konnte, während besagter Tim ihm hilflos zusehen musste, wie er ihn ausraubte, weil er bereits in Stadium 5 war, was zwar höchst unterschiedlich ausfiel, in seinem Fall aber eindeutig die klassische Handzahn-Variante war: Während das Gehirn versuchte, die Extremitäten zu bewegen, klapperte Tim nur mehr lustlos mit den Zähnen. Es dürften danach noch drei oder vier Tage gewesen sein, länger hat das nach dem (wie erwähnt bescheidenen) Stand der Wissenschaft bisher niemand überlebt, der sich nicht zufällig beim Bemerken seiner Erkrankung in einen Schlafsack aus Teig gewickelt hat. Etwas, das auf erschreckend vielen Verschwörungs-Seiten (zwischen 12 und 15 Uhr) ernsthaft als Empfehlung nachzulesen war.

Viel neues brachte das Kriechen durch den Garten aber leider auch nicht, denn viele der Pflanzen waren allenfalls vor zwei Wochen ausgesät worden. Enttäuscht brach Bianca den Versuch ab und stieß nach dem Aufschließen die Tür mit einem herzhaften Ihr-könnt-mich-alle-mal-Tritt auf und wurde umgehend von einer Katze angefallen, die offensichtlich zwischen den Kuschelkissen der letzten Jahre noch nicht alle Tiger-Instinkte verlernt hatte.

Man spürte die Punktionen wirklich nicht. So stachelig sich die Katze an sich anfühlte, so wenig bedrohlich. Die vielen „Zu Tode gekuschelt“-Headlines vor der merkbaren Ausdünnung bei Boulevard-Journalisten hielten entsprechend viele Server am Laufen, auch jetzt noch, da die Energie nur jenen Knotenpunkten zugesprochen wurde, die entsprechende Nutzerzahlen vorweisen konnten. Ein an sich cleveres Konzept, das bei rückläufiger Stromgewinnung versuchte, den Überlebenden wenigstens etwas Infrastruktur außerhalb der wenigen hermetisch abgeriegelten Sicherheitsbereiche zu gewährleisten. Leider einhergehend mit Nebenwirkungen wie der stetigen Präsenz von dummdreisten Seiten, die entweder die deutsche Kanzlerin bezichtigten, einen geheimen Katzenhasser-Overkill betreiben zu wollen oder mit wissenschaftlich angehauchtem Vokabular den Eindruck zu erwecken versuchten, dass die Juden an allem Schuld seien oder Katzenkot trotz allem noch eine gute Antifaltencreme hergeben würde, wenn man die Haare aussortieren und den Rest gen Andromeda schütteln würde. Ein temporäres Phänomen, denn natürlich waren die Zugriffe auch hier insgesamt rückläufig.

„FUCK!“
„WAS?“
„SIE ...“
„WAS?“
„SIE HAT …!“
„WAS?“
„MICH GEKUSCHELT!“

Simon war die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben und Bianca stand verständlicherweise kurz davor, die Nerven völlig zu verlieren. Natürlich gab es hypothetisch auch uninfizierte Katzen, natürlich lag die Ansteckungsgefahr nicht bei glatten 100%, aber ebenso wie nach der Trump-Wahl der IQ-Drop in der amerikanischen Außenpolitik vorhersehbar war, galt Katzenkuscheln inzwischen als sicheres Todesurteil. So sicher, dass #killmewithcats über Wochen ein ernstzunehmender Twitter-Trend war.

„Töte mich.“, schluchzte Bianca umgehend und Simons fehlender Sinn für angemessenen Humor schlug sich umgehend Bahn:
„Sicher, dass Du nicht noch zwei Wochen RTL2 mitnehmen willst, jetzt, wo's eh egal ist?“

Bianca fing an, unaussprechliche Dinge zu schreien, Verwünschungen auszustoßen und ganz allgemein wenigstens ein bisschen gegen das zu verstoßen, was kurz vor den „Ereignissen“ noch scherzhaft „amerikanische Diplomatie“ genannt wurde.

Auch wenn zwischen den beiden jetzt nicht gerade eine klassische Klischee-Romanze gelaufen war, die Simon sich in Anbetracht des nahenden Weltuntergangs durchaus gewünscht hätte: Ein kleines Bisschen seines Frühstücks kam ihm dennoch hoch, als er (völlig konform mit der derzeit vorherschenden Ethik!) einen zufällig herumliegenden Pflasterstein durch die Teile ihres Schädels schlug, die er für gute Punkte hielt, um Stellen im Gehirn zu treffen, die einem frühzeitigen Ableben zuträglich sein würden.

Glücklicherweise lag er damit trotz all der damit einhergehenden Sauerei nur selten daneben. Das Ende von Biancas Existenz war damit nicht unbedingt komplett schmerzfrei, mit mehreren Wochen RTL2 ohne dabei Chips essen zu können allerdings auch nicht vergleichbar.

Ein Mensch, der fürs Alleinsein gemacht wurde, war Simon trotz aller Streitigkeiten aber eben auch nicht. Sicher: Er hatte jetzt einen eigenen Garten für sich, eine eigene Wohnung und selbst die inzwischen angesammelten Waffen konnten sich sehen lassen. In der Berliner Sperrzone von immerhin knapp 600km² konkurrierte er nun mit kaum mehr als 2.000 anderen Leuten. Man könnte sagen, er hatte es geschafft! Als einer von wenigen! Das wusste Simon und es wäre unfair zu behaupten, dass er keinen Stolz darüber verspürte. Dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf die Terrasse zu setzen, ohne die Tür hinter sich abzuschließen. Die Sonne ging gerade irgendwo hinter Hochhäusern unter, die er sich nie angesehen hatte, obwohl sie in derselben Stadt standen, in der er sich jahrelang wohlgefühlt hatte.

Er hat sich trotz alledem nicht gewehrt, als der rot-weiß-getigerte Kater von Ilse Helbord aus der Dritten laut miauend auf ihn zugestakst kam und sein zartes und doch irgendwie stacheliges Köpfchen an sein Kinn stieß. Nähe suchend, Liebe suchend, schnurrend.

„Na, Kleiner? Schöne Scheiße hier, wa?“

Ein paar tausend Menschen haben es im Verlauf der nächsten zwölf Jahre geschafft, sich eine neue Existenz in Irland aufzubauen und die Expeditionstrupps, die im Wesentlichen Katzen ausrotten, sind inzwischen auch wieder bis in die Türkei vorgerückt, der Großteil West- und Mitteleuropas ist bereits von Wiederaubau-Truppen besetzt, deren Hauptanliegen Datensicherung und Infrastruktur-Wiederherstellung sind. Wenn man den drei regierungstreuen Radiosendern glauben darf, ist das Meiste durchgestanden und der Menschheit steht ein geschichtlich beispielloser Aufstieg bevor.

Simon hatte in seinen letzten Tagen die rare Berliner Onlinezeit genutzt und viel geschrieben. Dabei hat er einige wohlwollende Posts über eine gewisse Bianca hinterlassen, deren Identität von den nachrückenden Wiederaubau-Truppen erst kürzlich bestätigt werden konnte. An ihrer Leiche konnten keine Spuren von KV3000 festgestellt werden.

(Geschrieben im Mai 2017)