Vier Tage, 18 Jahre, diese Geschichten

Erste Entwürfe zu diesem Text tippe ich schon seit Wochen kontinuierlich runter und jetzt habe ich sie doch alle gelöscht. Aus Gründen. Zu viel Mimimi, zu viel Pathos, zu viel Unsinn.

Trotzdem eine kleine Warnung: Dieser Text wird zu viel Mimimi, zu viel Pathos und zu viel Unsinn enthalten.

Vor knapp vier Tagen hab ich meine letzte Zigarette geraucht und dabei soll es auch bleiben. Das war, wenn auch nur zwischen Ozie und mir, lange geplant und abgesprochen und so dermaßen wenig spontan, dass wir den Termin spontan noch einmal um 24 Stunden verschoben haben, einfach weil die Planungen nicht gepasst haben.

So ziemlich die meisten Leser hier wird's überraschen, noch mehr wahrscheinlich Familie und Freunde. Ich war ja immer ein recht zufriedener Raucher. Und bevor im Laufe meiner Schlafenszeit das Telefon heißläuft: Nein, ich hab auch keine Todesprognose von Ärzten gekriegt oder hab mich aus Scheiß auf eine Wette eingelassen. Ich hab einfach genug. "Genug geraucht für ein Leben" hat Ozie das neulich schön auf den Punkt gebracht und da ist viel dran. Dass am Tabakrauchen nicht viel Positives hängt, wissen wir Raucher alle. Wirklich alle. Vieles stört uns der Sucht wegen nicht, aber viele kommen irgendwann mal an den Punkt wie ich jetzt: Man sieht für einen Moment mehr Vor- als Nachteile am Aufhören und beschließt es dann, wirklich durchzuziehen. Nicht so "Mal gucken, ob's klappt ...", sondern "Jetzt, um jeden Preis!"

Und ich bin gerade froh, dass bei mir der Punkt vor der Lungenkrebsdiagnose gekommen ist.

Ja, ich weiß: Vier Tage sind noch nix. Wie viel das für mich aber ist: Kein Nichtraucher wird das nachvollziehen können!

Wie gesagt: Ich gehör(t)e zu den Gerne-Rauchern und ich hab bisher zweimal spontan und überwiegend aus Geldnot heraus versucht, aufzuhören. Und das ist für nicht besonders willensstarke Typen wie mich die vermutlich bescheuertste Idee überhaupt, denn das war natürlich der Horror schlechthin: Ich hab mich eher von außen gezwungen gefühlt, ein schlechtes Gewissen gehabt und der Entzug war fürchterlich. Nicht einmal körperlich. Aber dieses Verlangen ... so ein bisschen wie Durst nach einem Langstreckenlauf bei Hitze. Nur dass man nichts trinken darf. Und es kommt wieder. Alle zehn Minuten, mehrere Tage lang. "Man muss bloß wollen" sagt sich leicht als Nichtsüchtiger.

Ich könnte das jetzt nach nicht einmal 100 Stunden nicht so leicht runterschreiben, würde ich dieses Mal nicht der aktuellen Forschungslage nach meinen Nikotinentzug geplant mittels Pflaster, Spray und Kaugummi verzögern und dämpfen. Vor sechs Tagen hab ich das noch für Bullshit gehalten, weil ich ja"nie das Zittern hatte", inzwischen kniee ich nieder vor der Medizin, einfach weil ich bisher nie ein Verlangen nach einer Zigarette hatte, das nicht binnen 10 Sekunden wieder weg war. Das ist ein teurer Spaß und ich hab auch die ganz harten Pflaster mit 52mg - andererseits: Ich hab vor einer Woche noch fast 60 Kippen am Tag geraucht: Der Quatsch jetzt kostet mich nicht einmal ein Sechstel davon und dürfte insgesamt schon eine Nikotinreduktion von 30 bis 70% bedeuten.

Und ich schreibe den Text nach einer miesen Taxischicht, in der ich über drei Stunden mit Warten verbracht und danach beim Döner gegenüber ein Feierabendbier zu mir genommen habe. Ohne ernsthaft eine Kippe haben zu wollen. Ich bin sogar mit rauchenden Kollegen quatschend zusammengestanden. Als Nichtraucher. Ich!

Ich weiß, dass ich den ganzen Mist jetzt noch nicht endgültig durch habe und keine klugen Sprüche klopfen sollte. Aber mal abgesehen davon, dass ich so langsam unbedingt mal loswerden musste, wie es mir gerade geht, wo ich nach 18 Jahren Rauchen eben aufgehört habe: Ich denke, ich hab durchaus ein paar ganz gute Ideen für Leute, die vielleicht an einem ähnlichen Punkt sind.

Da wäre einmal die Planung. Nicht wegen dem Termin, der ist vermutlich eher zweitrangig. Nein, einfach um das alles durchzudenken und auch seltsame Vorteile für sich zu finden. Atmung, Geruch und Geld, darauf kommt jeder. Aber was ist mit den vergilbten Büchern im Regal oder dem Wissen, dass man seine Klamotten künftig wieder im eigenen Zimmer rumliegen lassen kann? Beim PC-Zocken zwei Finger mehr zur Verfügung zu haben, nie mehr Abends bei schlechtem Wetter rausgehen zu müssen?

Und über die Sache mit dem Geld wollte ich nochmal ganz besonders reden: Jetzt einfach mal für mich, nicht um irgendwem ein schlechtes Gewissen zu machen.

Ich hab nicht vor, militanter Nichtraucher zu werden und ebenso wie ich froh bin, mit den coolen Leuten in der Raucherecke rumgehangen zu haben, weine ich gewiss nicht dem Geld hinterher, das ich für Tabak ausgegeben habe. Obwohl's angespart theoretisch sicher mehr als nur die Grundlage für ein Eigenheim wäre. Aber ich hätte es nicht angespart, ich hab's überhaupt nur zusammengekriegt, weil ich süchtig war. Und die Grenzen zur Beschaffungskriminalität waren hier und da sicher auch bis ins dunkelste Dunkelgrau gedehnt. Vor allem aber hab ich mir andere Dinge nicht geleistet, die sonst selbstverständlich gewesen wären bei meinem Einkommen. Mehr Bücher, mehr Reisen, besseres Essen, sowas halt.

Das Schöne daran ist: Im Wissen, wie scheiße viel Geld uns das Nichtrauchen spart (für die unbedarften Nichtsüchtigen: Ja, es ist etwa so viel wie unsere Warmmiete) haben wir für die jetztige harte Zeit alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Was sind schon ein paar ablenkende Computerspiele oder teures Essen? Kinokarten? Ein Witz! Ich hab mir das erste Mal seit über 20 Jahren mal wieder Lego gekauft*. Große Sets für über 50€, einfach weil das Aufbauen Fun macht und vom Rauchen abhält. Bisherige Ersparnis an Zigaretten nach vier Tagen? Schon deutlich mehr als ein Fuffi, also passt das schon sehr sehr mittelfristig! Ebenso dass ich mal drei Tage eher nicht gearbeitet habe. Um ehrlich zu sein: Abgesehen von den leichten Entzugserscheinungen hatte ich soeben auch die vier geilsten Tage der letzten paar Jahre! Mit einer passablen Zukunftsaussicht wohlbemerkt, selbst wenn da am Ende nochmal fünf unnötige Kilo mehr auf der Waage stehen. Das würde einem vermutlich auch der missmutigste Arzt schon für 10 Zigaretten weniger am Tag durchgehen lassen. ;)

 Der erste Vorbereitungseinkauf. Quelle: Ozie

Der erste Vorbereitungseinkauf. Quelle: Ozie

Ihr merkt vielleicht: Ja, das ist gerade groß und wichtig für mich und ja, ich bin trotzdem und gerade deswegen super optimistisch.

Abschließend: Liebe Raucher unter meinen Lesern: Es ist euer Ding! Ich will euch nicht überreden, euch kein schlechtes Gewissen machen, nichts davon! Wenn alles gut geht, komme ich in nicht allzu ferner Zukunft auch als Nichtraucher mit Euch vor die Tür, wenn mir das Gespräch wichtig ist. Schätze ich zumindest, für mich ist das ja auch alles noch neu und mein innerer Punk hasst mich noch ein bisschen zu sehr, um da ernsthafte Versprechen abzugeben. ;)

*Könnte sein, dass ich in absehbarer Zukunft einen Haufen (!) Lego an Leserkinder zu verschenken habe. Stay tuned!