Stresser im Haus

Vor einiger Zeit hat hier im Haus (ein gut hundert Meter langer Plattenbau mit zig Aufgängen) eine Apotheke dicht gemacht und ein weiterer Klamottenladen ist eingezogen. Und um ehrlich zu sein: Zwei Streetwear-Händler nebeneinander sind auch nicht absurder als drei Apotheken auf 150 Meter.

Ein wenig ärgerlich ist, dass dieser ohnehin leicht rechtsversiffte Kiez damit einen Laden hinzugewonnen hat, der zwar bei weitem kein offensichtlicher Naziladen ist, allerdings auch nur so mittel gut in Sachen "Distanzierung von Rechts" ist. Ich will mich da ohne Eigenrecherche auch nicht zu unreflektierten Äußerungen hinreißen lassen, aber ein bisschen auf den Zeiger gehen einem die Typen dort schon alleine deswegen, weil sie ungeachtet eventueller politischer Ambitionen einiges an Verhaltensweisen mit Schnullernazis gemein haben.

Und - so deutsch müssen die Probleme bleiben - das liegt an den Parkplätzen.

Bei unserem Haus ist etwas schwer zu entscheiden, was Vorder- und was Rückseite ist. Meine Vorderseite ist die mit meinem Treppenaufgang und den Anlieferplattformen, die Einkäufer aus der Fußgängerzone sehen indes meist die Seite mit den Ladenfronten, wo alles schön autofrei ist. Die andere teilen sich dann die Anwohner mit ihren Bedürfnissen mit dem Lieferverkehr. Es ist nicht so schlimm, wie es sich anhört, aber vor meiner Haustüre halten zigmal die Woche 40-Tonner und die sind nicht einmal durch einen Gehweg von den Fußgängern getrennt. Aber das ist ok, es ist ein absolutes Halteverbot, das lediglich Ein- und Ausladen erlaubt. Das eine Mal ärgert man sich, dass man um einen Laster mit Blumen Haken schlagen muss, den nächsten Tag freut man sich, den Einkauf vom Getränkemarkt bis ungelogen 2 Meter vor die Tür fahren zu können. Leben und leben lassen, Stress gibt es eigentlich nicht.

Eine kleine Änderung brachte dann besagter Klamottenladen, da deren Betreiber ihren Lieferantenzugang für einen Privatparkplatz halten und da seit Einzug jeden Tag zwei bis vier Oberklasse-Limousinen und SUVs den ganzen Tag über abstellen. Was für uns Anwohner halt bedeutet, dass man, wenn gerade der Lieferwagen vom Blumenladen auch dasteht, keinen Platz mehr zum Getränkeausladen hat.

Ich weiß, das klingt, als sei ich dazu übergegangen, mit dem Kissen unterm Arm am Fensterbrett Falschparker aufzuschreiben, aber die Einleitung war zum Verständnis nötig. Zusammengefasst: Hier herrscht reger privater und geschäftlicher Lieferverkehr, läuft aber alles. Nun aber parken da stets drei Autos mehr, was das Platzangebot kleiner und das Rangieren schwieriger macht. Auch das: Geschenkt! In den Nachtstunden hab ich mein Taxi da auch schon mal für mehr als eine Stunde abgestellt.

Dann aber haben die Leute vom Klamottenladen bemerkt, dass ihrem Beispiel einige Leute folgen und nun auch öfter ihre Autos dort parken. Diese Nachahmer-Effekte kennt man ja. Als Konsequenz haben diese tättowierten Schnullis gleich zwei selbst ausgedruckte Halteverbots-Schilder in ihre kleine Hinterausgangstür gehängt, damit ihnen ja niemand die "Parkplätze" für ihre Protzkarossen streitig macht.

(Kleiner Einschub: Die Wahrscheinlichkeit, in 20 bis 100 Metern Umkreis einen Parkplatz zu finden, beträgt zu jeder Tageszeit etwa 99,99%)

Man kann sich also ausmalen, wie feucht der Scheißdreck ist, den mich diese Zeichen interessieren. Hier macht man sich Platz, wenn er gebraucht wird - und gebraucht wird er allenfalls alle paar Monate mal. Auch die DHL hält im Zweifelsfall in dritter Reihe, man wird sich einig.

Und nun haben Ozie und ich nach vielleicht zwei Jahren das erste Mal Sperrmüll weggebracht. Dazu haben wir einen großen Sprinter angemietet, den früh abgeholt und in der Ladezone bei unserer Tür abgestellt. Wir hatten zig Regale, Sessel, Bretter, Tische, Stühle etc. pp. rauszutragen, da ist es halt angenehm, die Autotür besagte zwei Meter vorm Haus zu haben.

Und, was war?

Natürlich: Nach einer Viertelstunde maulte uns irgend so ein mit seinem Leben sichtlich hochzufriedener Typ an, dass er mal hoffe, wir seien auch schnell wieder weg, weil das ja Halteverbot sei. Mal abgesehen davon, dass ihnen damit von rund 8 Metern Ladefläche immer noch 7,5 zur Verfügung standen, hab ich ohne ihn auch nur anzusehen gesagt, dass das zum Be- und Entladen trotzdem ok sei.

"Ja, dann park vor deinem Eingang. Was, wenn hier noch der Bäcker kommt?"

Der Bäcker. Aha. Der also lag ihm am Herzen. Und nicht etwa der mattschwarze Benz, der ganz subtil versucht hat, mich eine halbe Stunde später zuzuparken ...

Dieses eine Mal in zwei Jahren hat mein gemietetes Auto halt von der Haustür bis zu seinem Lieferanteneingang gereicht. Und obwohl ich nur alle paar Jahre so ein Ungetüm fahre, schaffe ich es immer noch ohne große Verzweiflung, damit auszuparken, so viel Erfahrung wie deren dilettantischer Mercedesfahrer hab ich mindestens ...

Viele werden da jetzt wie oben schon erwähnt, eher so einen billigen Nachbarschaftsstreit sehen, so ein Das-ist-mein-Parkplatz-Mimimi. Ganz ehrlich: Nein. Nicht meinetwegen. Natürlich wollte ich den Platz gestern für mein Anliegen, aber auf eine Anfrage, ob ich jetzt, in einer halben Stunde, ab 12 oder wann auch immer für eine Lieferung ihrerseits zurückrangieren könnte: Gerne! Gerade weil ich professionell Auto fahre, weiß ich, dass Behinderungen manchmal passieren. Warum sollte ich den Blumenlieferanten ob seines schattenspendenen Vierzigtonners vor meiner Haustüre angiften, wenn ich vielleicht mal mit dem Taxi seine Fahrspur blockieren muss, weil mein Fahrgast nicht einmal um den Block laufen will? Dieses Egoismus-Gen fehlt mir offensichtlich vollständig.

Aber wenn mich jemand seit Monaten behindert und nervt und mir dann "aus Prinzip" Vorschriften machen will ... ich mag kein Egoist sein, aber das mit dem Trotz kann ich.

Und wie ich es von Schnullernazis gewohnt bin: Nachdem ich nicht sofort wegen "Verboten!" eingeknickt bin, ist in den nächsten Stunden das quadrierte Nichts passiert. Was echt nicht nötig gewesen wäre, liebe Nachbarn! Ich hatte den Zwanni vom Ordnungsamt eingepreist, mir hätte so ein Bullshit nie und nimmer den Tag versauen können, denn wir haben gestern ernsthaft was weggerockt, ich war zufrieden mit mir.

Und ich hätte bei beidseitigem Interesse auch gerne entgegen meiner eigentlichen Überzeugungen in den nächsten Tagen ein paar Mal das Ordnungsamt informiert, welche Luxuskarossen hier mal wieder illegal parken. Ich bin flexibel, wenn es die Ordnung in der Nachbarschaft betrifft. Ich weiß ja, dass es hier nicht nur um mich geht. ;)