Nur kurz impfen ...

Dass mich irgendwann nach der Kindheit das Thema Impfen mal wieder einholen würde - ich hätte nicht drauf wetten wollen.

Aber dann kam zum einen die Welle der verschwörungstheoretischen Impfgegner (deren Aussagen hahnebüchener Bullshit sind!) und zudem die Erkenntnis, dass die ein oder andere Impfung aufgefrischt werden muss und ich zudem eigentlich gar nicht genau weiß, gegen was ich schon geimpft bin. Den meisten Menschen in meinem Alter steht dazu ein Impfpass zur Verfügung, aber obwohl ich selten böse Worte über meine Kindheit und Jugend verliere: Am Ende bin ich halt auch großgeworden, während meine Eltern sich scheiden ließen und meine Mutter mehr und mehr dem Alkohol verfiel. Da gehen auch solche Unterlagen mal verloren.

Und im Laufe der geistigen Reifung, die bei Spezialfällen wie mir auch für solch einfache Fragen gerne mal bis in die Mitte des dritten Lebensjahrzehnts andauern kann, fragt man sich dann doch, ob das noch alles passt.

Es ist nicht so, dass meine Eltern alles falsch gemacht hätten. Ich erinnere mich an die Polio-Schluckimpfung explizit, darüber hinaus, dass ich unter dem Label "Impfung" auch einige Spritzen bekommen habe. Aber welche?

Und mal abgesehen davon, dass z.B. Tetanus definitiv aufgefrischt werden muss und Teil einer Fünffach-, bzw. teilweise Sechsfach-Impfung ist: Da Impfungen um mehrere Größenordnungen ungefährlicher sind als meine Jobs oder Autofahren allgemein, war es nur logisch, das mal wieder auf den aktuellen Stand zu bringen.

Ich hab also voll vorbildlich (vergessen wir hier mal die 20 Jahre Ignoranz!) meinen Hausarzt aufgefordert, mich durchzuimpfen. Die Tetanus-Diphterie-Potassis-Spritze wurde mir auch kurzerhand mit eher schwammiger Terminvergabe verabreicht, aber MMR?

"Na, da sin'se ja wohl jeimpft, oda?"

"Wie gesagt: Ich hab keine Unterlagen."

"Ja, aber muss doch."

Ach?

Natürlich: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch. Bei den Masern bin ich mir nicht sicher, ob ich die nicht mit 5 Jahren oder so hatte oder ob das Scharlach war. Röteln hatte ich angeblich 1990 im Urlaub, als ich mir im Fernsehen die Sonnenfinsternis in Mexico angesehen habe. Aber war das eine ernste Diagnose oder nur ein Verdacht?

Verdammt, auch wenn's drei Sekunden wehtut: Ich will auf Nummer Sicher gehen!

"Ja nee, dit hamwa nich da. Müssense nochma anrufen!"

Mein Hausarzt ist insgesamt eine Katastrophe, das weiß ich. Ich gehe zu ihm, wenn ich ein Rezept brauche oder einen gelben Schein. Mehr ist eher schwierig. Abgesehen davon, dass ich seit zehn Jahren keine Tetanus-Auffrischimpfung hatte, übersieht der Typ seitdem auch konsequent, dass ich 50kg Übergewicht habe und erklärt mir, dass Taxifahrer als Job wohl für meinen Bluthochdruck verantwortlich ist.

Aber bevor besserwisserische Kommentare kommen: Hier in Marzahn ist allen Praxen seit Jahren genau eines gemein: Ein Patientenaufnahmestopp.

Nun hatte ich die eine Impfung bekommen und hab um die MMR gebettelt. Nach ewigem Hin und Her sollte ich nochmal anrufen wegen des Impfstoffes. Rufe ich also nochmal an und ...

"Was? Nee, hamwa nich! Aber Sie haben die Impfungen doch bestimmt eh schon ..."

Ehrlich?
EHRLICH?

Ja, ich habe jetzt einen Termin. Nach einem weiteren Telefonat, auf das ich vertröstet wurde. Immerhin.

Und ich würde das nicht schreiben, hätte Ozie nicht bei ihrer Ärztin eine nahezu identische Erfahrung gemacht.

Da haben wir diese mächtige medizinische Maßnahme namens Impfung. Und deren Erfolg hängt maßgeblich von der Rate ab, zu der die Bevölkerung durchgeimpft ist. Und die sinkt, weil ein paar Aluhutträger seit ein paar Jahren überproportional priviligierten Schwachmaten einreden, dass das Bullshit ist. Aber ich muss mich aktiv anstrengen, um keine zehn Kilometer entfernt vom nächsten Idioten-Hotspot geimpft zu werden. Mir geht es dabei nicht um meine Wenigkeit, ich hab's bald komplett hinter mir. Aber ich sehe da ein gewaltiges Problem. Eines, neben dem Terroristen wie Karnevalsteilnehmer rüberkommen.