Anzügliches aus Mitte

Irgendwann heute quasi direkt nach dem Aufstehen habe ich dann die Kreditkarte gezückt und den Laden mit Kleidung für mehr als einen violetten Schein verlassen. Und da Ihr meinen Job kennt und meine Blogs, sollte Euch klar sein, dass das nicht zu meinen Hauptbeschäftigungen gehört.

Nun kommen dieses Jahr zwei Dinge unpraktisch zusammen:

1. Ich bin immer noch nicht auf Normalmaß geschrumpft.

2. Ich brauche einen Anzug.

Letzteres ist zugegebenermaßen etwas überraschender als ersteres, aber ich kann beruhigend verkünden, dass es nur um Hochzeiten geht. Meine eigene hab ich ohne Anzug gemeistert, aber ich bin ja nicht der Nabel der Welt und somit findet nicht jede Hochzeitsfeier in meiner alten Stammkneipe statt, sondern bisweilen eben auch, um mal ein besonders seltsames Szenario zu wählen, in einer Kirche in einem bayrischen Dorf.

Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Hemden schneidern zu lassen und mich zu diesem Zwecke von Ozie so detailliert vermessen lasse, dass es Nachbarn mit guter Weitsicht wie ein befremdliches Vorspiel erscheinen mag: Die ganze Chose für mehr als ein Hemd und unter Einbeziehung Fremder war dann auch für mich etwas bislang neues.

 Nicht meine Kragenweite. Quelle: Sash

Nicht meine Kragenweite. Quelle: Sash

Und meine ambivalente Meinung zum gesamten Schauspiel "Maßkonfektions-Anzug für Sash" bleibt am Ende, dass es irgendwie lustig war, ich mir den Scheiß allerdings nicht öfter als nötig ans Bein nageln lassen würde.

Ich will dabei den Finanzaspekt, so schwer mir der Part auch mal fällt, gar nicht überbewerten. Da ich fast jedes Hemd schneidern lasse und die Zahl der Größe-50-Schuhe im Sonderangebot gen null tendiert, bin ich auch im sommerlichen Alltag selten unter 150€ ausgestattet. Ebenso war der Anzug jetzt Teil eines wirklich fairen Rabattangebotes und ohnehin hätte ich nie gedacht, dass man trotz der berechtigten Stichworte "Maßkonfektion" und "Friedrichstraße" überhaupt im dreistelligen Bereich wegkommen könnte. Ihr seht, meine Illusionen lagen schon darnieder, bevor ich meinen ersten Anzug in Auftrag gegeben habe. Quasi so, wie ich das als junger Punk befürchtet hatte. ;)

Nein, es sei hier sehr ehrlich und ohne dass ich dafür einen weiteren Rabatt gewährt kriege, gesagt, dass ich die Maßkonfektion Kuhn (Friedrichstraße 194-199) guten Herzens weiterempfehle.

Ich bin halt allgemein eher der Typ, der einen Einkauf als Mittel zum Zweck sieht, sich ungern betatschen, rumreichen und begutachten lässt. Aber ich weiß ja auch, dass das unvermeidbar ist. Und so war halt der Abholtermin jetzt der letzte von insgesamt dreien und ich bin froh, dass es vorbei ist.

Was aber, und das kann ich nicht genug betonen, die ganze Sache definitiv wert war, das war dieser Einblick in mir fremde Welten, den ich ja eigentlich überall genieße. Egal, ob das jetzt Lieferdienste, Hausschlachtungen oder eben Maßanzüge betrifft.

Dass es Leute geben soll, die die Wertigkeit von Anzügen bemessen können, war mir als Konzept vertraut, aber ich bin halt eher von der Sorte Mensch, die zwischen dreckigen und neuen Schuhen unterscheidet, Stoffe grob in die acht nachweißlich existierenden Farben (schwarz/weiß/rot/grün/gelb/blau/hellbunt und dunkelbunt*) und drei Sorten (Seide/Baumwolle/Jute) einteilt und fertig.

Aber dass man mit der Zeit herausgefunden hat, dass sich Knöpfe auch nur aufnähen lassen und dass deshalb echte Knopflöcher inzwischen ein Ding sind und man ein Paar Knöpfe offenlässt, um subtil wie eine Kragenechse auf LSD die "Echtheit" seiner Bekleidung zu betonen - wie niedlich ist das denn bitte!?

Wie gesagt: Ich hätte gerne etwas weniger schwitzend in der Gegend rumgestanden und mich beaugapfeln lassen, aber wenn ich nicht versehentlich abnehme, kann ich den Anzug ja vermutlich auch erst einmal ein paar Jährchen tragen.

Und weil's einfach zu klassisch ist, muss ich hier ohne bösartigen Kommentar nochmal schnell die Dame zitieren, die den Anzug eingepackt hat:

"Ja, das Jacket passt nicht ganz in die Tasche ... Sie sind sehr groß!"

*Bevor jemand extra noch einmal nachsieht und mir von der tollen Entdeckung berichtet: Ja, es ist Teil der Ironie, dass ich just in diesem Eintrag bereits zu Beginn eine Farbe genannt habe, die in der Farb-Aufzählung nicht enthalten ist!