Alle Jahre wieder diese Steinewerfer ...

In Zeiten wie den heutigen, wo in Hamburg anlässlich des G20-Gipfels die Hütte brennt, würde ich gerne selbst meine sorgsam zusammengeprfiemelte Twitter-Timeline zum Teufel jagen. Auf Facebook traue ich mich gar nicht nachzusehen.

Es geht um die vielen ach so betroffenen Tweets wegen der Steine und der brennenden Autos. Wie sehr "Gewalttäter den friedlichen Protest unterwandern", wie sehr solidarisch man ist, dass aber "Gewalt immer Scheiße" ist. Wie wenig kleine Mittelklassewagen "denen da oben" gehören, dass das ja alles "die wichtigen Anliegen des Protests diskreditiert".

Geht weg! Im Ernst.

Nur damit wir uns verstehen: Ich halte das Anzünden von Autos nicht für einen sonderlich cleveren politischen Move und bin so oder so ein recht friedliebender Mensch. Mir liegt's fern, in jedem Einzelfall Partei für einen offensichtlichen Idioten zu ergreifen, aber vom Sofa zu rufen, dass Gewalt halt immer scheiße ist und dass man bitte auch mal an die kleinen unterversicherten Ladenbesitzer denken sollte, ist halt nicht weniger unreflektiert.

Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass da in Hamburg gerade Gewalt von mindestens zwei Seiten aus angewandt wird. Und ja, die Polizei hat gesetzlich ein Monopol darauf, aber das bedeutet im Umkehrschluss eben nicht, dass das in jeder Situation richtig ist. Und nein, nicht einmal, wenn sie gewaltbereiten Demonstranten gegenübersteht.

Bei allem Verständnis für den Stress eines einzelnen Beamten: Ein massives (und hier und da eher systematisches) Versagen der Staatsgewalt in Sachen Gewaltanwendung und Verhältnismäßigkeit ist weit gefährlicher für eine Gesellschaft als irgendeine x-beliebige kriminelle Handlung irgendwo. Genau weil die Polizei das Gewaltmonopol hat, ist Vorsicht geboten, denn eine aus dem Ruder laufende Polizei ist im Alltag, der eben nicht durch die jahrelangen Prozesse danach geprägt ist, genau die Grenze zwischen einer wünschenswerten Gesellschaft und einem Terrorsystem.

Wenn also, wie ich aus meiner Timeline erfahre, eine grundsätzliche Infragestellung des G20-Gipfels, seiner Durchführung und/oder seiner Teilnehmer wünschenswert ist, dann frage ich mich, weswegen wir dieses Wochenende über brennende Autos reden.

Haben wir vor einem Jahr über brennende Autos in der Türkei geredet, vor 6 Jahren in Ägypten? #FreeDeniz, aber nur wenn's den Steuerzahler nicht mehr als 1200€ kostet, oder was?

Und hat vielleicht einer von Euch schon einmal darüber nachgedacht, dass die Frage, wem ein Auto gehört, auch nur ein Teil der Überlegung sein könnte? Dass es vielleicht Sinn der Sache ist, ein allgemeines Unwohlsein zu verursachen, dass die Kosten für die Versicherer steigen, dass klar wird, dass so ein Gipfel nicht einfach eine nette Geschichte ist, die gesellschaftlich irrelevant oder akzeptiert ist?
Selbstverständlich geht da auch manches nach hinten los und verursacht (leider teils schlimme) Kollateralschäden. Aber was genau ist da der Unterschied zur Politik der G20 oder dem Einsatz der Polizei?

Was viele Kritiker vergessen, wenn sie Gewalt einfach nur per Fav, Like oder Kommentar verdammen, dann dass das schon fast der größte Luxus ist, den man sich auf der Welt (abseits der behüteten Quartiere der G20-Staatschefs) vorstellen kann: Sich echauffieren können darüber, dass anderen Menschen kein anderes Mittel mehr bleibt.

Das fängt schon mit der so toll klingenden Null-Gewalt-Grenze an. Wo bitte gilt die? Mal abgesehen davon, dass selbst in unserer sonst so satten Republik Regelungen für Notwehr existieren: Warum wohl holt sich Deutschland seit 28 Jahren einen runter auf "die friedliche Revolution '89"? Weil Verbesserungen selten friedlich entstehen! Glaubt Ihr ernsthaft, dass die gerade beschlossene Ehe für alle ein Zufall war? Glaubt Ihr ernsthaft, dass das "einfach so" passiert ist und dafür nie und nirgends Blut vergossen wurde? Wenn ja, dann müssen wir über das Wort Naivität noch mal gesondert diskutieren. Dass wir hier überhaupt die Ressourcen und die Energie haben, uns über abgefackelte Autos von Geringverdienern zu beschweren, liegt erstens daran, dass hier überhaupt teilweise Autos für Geringverdiener erschwinglich sind und zweitens daran, dass wir in der glücklichen Situation sind, nicht jeden Tag eine abgebrannte Innenstadt vorzufinden.

Und wenn wir bei Gewalt sind: Wo bleibt die Würdigung der Opfer struktureller Gewalt? Was wird wohl die Folge sein, wenn Menschen wie Donald Trump weiter die Welt regieren, dabei auf Umweltschutz und Sozialstandards scheißen und mit egoistischen Handelsregulierungen zig Millionen Menschen in die Armut treiben? Glaubt Ihr, all das geht gewaltfrei vonstatten? Dank des Klimawandels werden Inseln absaufen, zigtausend Pleiten wegen dummer Wirtschaftsentscheidungen werden Suizide nach sich ziehen, die Leute verrecken ohne Krankenversicherung ...

Ja, das meiste davon ist weit weg, wie so vieles. Aber der G20-Gipfel als ein Teil der komplexen Zusammenhänge, die den Status Quo erhalten, ist jetzt halt hier und er ist eben auch Treffpunkt für Leute, die das nicht nur "so ein bisschen nicht ok" finden, sondern eine Wut loswerden wollen oder müssen, die den meisten hier im Paradies längst abhanden gekommen ist. Weil's für sie persönlich gemütlicher ist.

Es ist so einfach und billig, Menschen nur danach zu bewerten, ob sie gerade einen Stein in der Hand haben oder noch die Kraft, mit einem Clownskostüm etwas friedliche Kreativität in den breiten Protest zu bringen. Selbst unser Justizsystem ist da im Großen und Ganzen weiter und bewertet Menschen auch nach ihren Umständen.

Natürlich tritt der schwarze Block nach außen hin ähnlich martialisch auf wie die Polizei und tatsächlich finden sich unter den Leuten dort auch ein paar Macker, die einfach Bock auf Randale haben. Genauso wie sich in jeder Wohnsiedlung ein gewalttätiger Ehemann befindet, in jeder Partei jemand, der sich selbst für einen besseren Menschen hält und in jedem sozialen Netzwerk eine Gruppe von Vollidioten mit dem Hang zu Binsenweisheiten. Aber es sind auch Leute wie ich, die einfach eine bessere Welt wollen. Da sind Kindergärtner dabei oder Leute, die ehrenamtlich Flüchtlingen helfen und deren Erfolge von der Arge weggewischt werden. Ich hab im schwarzen Block Leute Steine werfen sehen, die noch kurz vor einem Polizeieinsatz überzeugte Pazifisten waren und ich selbst hatte ohne je bei einer Demo Gewalt angewendet zu haben, Momente, in denen ich bestimmten Polizeibeamten wirklich schlimmes gewünscht habe, weil sie mich oder meine Freunde mit purem Sadismus zu misshandeln versucht haben. Meist glücklicherweise erfolglos, aber ratet mal weswegen ...

 Sash im Jahr 2000, as unkenntlich as possible

Sash im Jahr 2000, as unkenntlich as possible

Weil wir bereits wussten, was kommen könnte. Und entsprechend vorbereitet waren. Zum Beispiel, indem wir uns vermummt haben und im schwarzen Block untergetaucht sind. Im Grunde also alles, was man nun in Hamburg als Berechtigung herangezogen hat, um in die Demo reinzuknüppeln.

Und abgesehen von durchaus diskussionswürdigen hier verwendeten Worten wie "Wut" oder dem Begriff "Ohnmacht", den ich eigentlich auch gerne anführen würde:

Wie viele von all Euch mit den schlauen Sprüchen im Netz haben jemals ernsthaft stunden- oder tagelang Gespräche darüber geführt, inwiefern welche Formen von Gewalt positive oder negative Auswirkungen haben könnten, wenn sie in diesem oder jenem gesellschaftlichen Prozess Anwendung finden?

Ich bin gespannt. Nur soviel vorweg: Die meisten "Krawalltouristen", die der Meinung vieler nach nicht mehr vorhaben, als in einer Lokalzeitung auf Seite drei mit einem Bild zu erscheinen, haben das bereits mehrfach hinter sich. Ich will nicht behaupten, dass deswegen jeder auf eine vernünftige Lösung gekommen ist und noch nicht einmal, dass ich deswegen der gleichen Meinung bin. Aber ein bisschen über die Erkenntnis, dass brennende Autos auch doof sein können, sind die meisten intellektuell sicher weit hinausgekommen.

Nein, ich spreche niemandem eine Generalabsolution für vielleicht dummes Tun aus. Aber ebensowenig werde ich mich gerade in Momenten wie diesem, in dem berechtigte Zweifel am Subjekt des Widerstands, am Ort und am Polizeieinsatz bestehen, auch nur irgendwie "von allen Gewalttätern" distanzieren.

Solidarische Grüße nach Hamburg!

#NoG20HH