Unsortierte Gedanken zum Wahlabend

Wie man sich sicher denken kann, bin ich natürlich nicht gerade begeistert über den Wahlausgang. Aber mir war die AfD schon bei der Gründung unter der Leitung von Lucke zu rechtslastig und die meisten von uns würden die Truppe von damals gerne klaglos gegen die heutige zurücktauschen.

Überrascht war ich indes nicht so wirklich. Ganz ehrlich. Es ist bekannt, dass gute 20% der Menschen xenophoben, rassistischen und rechtsradikalen Gedanken wenigstens sehr offen gegenüber stehen. Da sind - so sehr auch ich den Einzug einer rechtsradikalen Partei in den Bundestag als Zäsur und fatales Signal sehe - die 13% der AfD bei weitem nicht das Meisterstück, zu dem dieser Einzug jetzt unter der Hand anerkennend gemacht wird.

Und an diesem wie auch vielen anderen Punkten zeigt sich, dass ein großer Teil des Problems auch ein Sprach-, Aufmerksamkeits- und Journalismusproblem ist. Über Jahre hinweg ließ sich beobachten, wie die AfD (teils angekündigt) ein paar Skandale inszeniert hat, die selbstverständlich widerlich waren, die aber mehr oder weniger alle so liefen, dass die Partei bei ihren rechten Wählern mit Nazi-Sprüchen punkten konnte und dann anschließend im Fernsehen auch noch ein paar Stunden Sendezeit zugeschustert bekommen hat, um dort dem etwas gemäßigteren Publikum zu erklären, warum das alles nicht so schlimm war und sie in der Sache ja trotzdem richtig lag.

Ich meine: Was hätte eine Partei vergleichbarer Größenordung mit so einer Rückendeckung erreichen können? Die FDP hat's mit Schwarz-Weiß-Fotos auf 10% gebracht!

Und als ob die pure Aufmerksamkeit nicht genug gewesen wäre: Wieso bitte hat das alles immer wieder bei Null angefangen? Nach zig Skandalen um rassistische Ausfälle wurden sie immer noch verharmlosend als Populisten bezeichnet und erneut gefragt, ob dieses oder jenes Statement jetzt nicht vielleicht doch ein Zeichen dafür sein könnte, dass die Partei rechtsradikal, rassistisch oder ein Sammelbecken für Neonazis ist. Dabei war die Partei seit Monaten inhaltlich nicht mehr von der NPD zu unterscheiden und dass ein Nichteinladen dieser Klappspaten zu großen Fernsehsendungen ein Fehler war, lässt sich rückblickend wirklich nicht behaupten.

Und die ganzen Streitereien darüber, ob die Wähler nun rechts sind oder "nur" Protestwähler! Ist es wirklich wichtig, ob jemand, der gerne Menschen mit anderer Hautfarbe dafür verantwortlich macht, dass sein Leben nur so mittel schnafte ist und sie deshalb gerne vergasen will, nebenbei auch Angela Merkel nicht toll findet? Sind wir ernsthaft wieder an einem Punkt, an dem wir uns gegenseitig versichern wollen, dass es sooo viele Nazis ja gar nicht geben kann. Nichts gegen politische Ursachenforschung, aber eine Verleugnungshaltung bringt halt auch nur in einem noch unentdeckten Parallelunsivesum so wirklich was.

Die AfD hat 13% der Wählerstimmen bekommen und obwohl Gauland gerne die Wehrmacht mehr gewürdigt sehen will, erzählte Meuthen vor ein paar Stunden, dass es keinerlei rassistische Tendenzen in der AfD gibt.

Natürlich gibt es so oder so keine Alternative zu einer starken Anti-Rechts-Politik, aber mir scheint, als sei eines in diesem Wahlkampf massiv versäumt worden: Die Rechten rechts, die Nazis Nazis und die Rassisten rassistisch zu nennen. Und das nicht zum Selbstzweck. Immer noch sind diese Worte glücklicherweise so negativ konnotiert, dass weit mehr als die 87% Nicht-AfD-Wähler sie von sich weisen. Selbst Vollblut-Rechtsaußen-Demagogen wie Gauland wollen nicht in diese Schublade gesteckt werden. Also heimlich sicher, aber nie und nimmer öffentlich. Niemand will (Neo-)Nazi sein und niemand will Nazis gewählt haben. Den Druck haben Politik und Medien von der AfD ferngehalten, obwohl das Gegenteil eigentlich einfacher und richtiger gewesen wäre.

Aber gut, nun haben wir den Salat. Das ist traurig, weil das natürlich bedeutet, dass die AfD weiter Aufmerksamkeit kriegt, Themen setzen oder gar die Parlamentsarbeit mutwillig behindern kann. Das hätte nicht sein müssen. Aber es bleibt bis zu diesem Punkt auch zu sagen:

Trotz 13% AfD gibt es hier nicht mehr Nazis als vorher. Das ist nicht beruhigend gemeint, sondern als Wink mit dem Zaunpfahl: Die gab es vorher schon und es wird sie vermutlich auch noch geben, wenn die AfD wieder mal einstellige Ergebnisse einfährt. Es gab und gibt diese Arschlöcher und die eigentliche Kunst ist, sie nicht erfolgreich werden zu lassen.

PS: Was ich eigentlich am gruseligsten finde sind so Gehirnausbremser wie Seehofer, die jetzt ansetzen, die AfD rechts zu überholen. Denn das Falsche an menschenverachtender Politik ist nicht, dass die AfD sie macht. Das Falsche ist die Sache mit der Menschneverachtung. Sie ist genauso scheiße, wenn sie von einer anderen Partei gemacht wird.