Flexi*-Sash

Ich habe jetzt ein FitBit*.

Ich weiß, das muss man erst einmal verdauen.

Aber warum sollte ich lügen? Ich habe seit knapp zwei Wochen ein Schritte zählendes Armband, wie so ein Vorgarten-Hipster, mit denen ich zudem auch noch den Bart und bald auch den Nachwuchs teile. Ist also alles zu spät?

Kann schon sein, aber naturgemäß sehe ich das etwas anders. Und da spielt - so selten das auch allgemein der Fall ist - tatsächlich mal die Herkunft eine Rolle. Da draußen rennt eine ganze Armee verschieden geprägter Avantgardisten herum, die jetzt "auch mal" gesund tun wollen und sich auf ihre furchtbare Vergangenheit mit "zu viel Games" und "so ungesundem Essen" berufen. Sprich: Die behaupten, sie seien gewesen wie ich.

Wie damals Max aus meiner Klasse, der mir im Vertrauen mal sagte, dass wir nur deswegen keine Freundinnen hätten, weil wir beide Übergewicht haben. In seinem Fall waren das 3 kg, in meinem 40.

Natürlich ist Gesundheit für mich jetzt mit 36 Jahren was anderes als mit 22 und ebenso natürlich denke ich da auch deswegen etwas anders, weil in Bälde ein neuer kleiner Erdenbürger schlüpft, für den ich in näherer Zukunft ganze 50% der relevanten Weltbevölkerung stellen werde.

Aber ich trage bestimmt kein kleines Bändchen mit 5 blinkenden Lichtern, um nachts in Prenzlauer Berg als Teil der Gemeinschaft akzeptiert zu werden.

Ich will im Wissen, dass ich mich damit ein Stück weit lächerlich mache, zugeben, dass ich ein hartes Jahr hatte und dass das auch daran lag, woher ich komme. Mein Level an Aktivität derzeit liegt ungelogen locker 500% über dem des Sashs von vor zwei Jahren und natürlich ist das nicht so, weil ich heute wie ein außerirdischer Kampfroboter unmenschliches leiste, sondern weil ich wirklich verdammt bequem durch die letzten 20 Jahre meines Lebens gekommen bin. Das sehe ich ein, aber ich sehe auch immer noch, dass es ok war und ich hoffe nach wie vor, dass alle anderen dieses Glück auch mal haben. Auch wenn ich für mich (und meine Familie) jetzt mal mehr tun muss: Ich lehne den Leistungsgedanken als Gesellschaftskonzept nach wie vor ab.

Aber eigentlich waren wir bei meinem FitBit.

Ich bin jetzt nicht so aktiv am Start, weil ich das Teil habe, sondern ich habe es, weil ich mit Gameification leicht zu kriegen bin und es mir hilft, mich wohler zu fühlen bei all dem, was mir immer noch schwerfällt: Mal nicht den ganzen Tag rumsitzen.

Die meiste Zusatzaction ergibt sich von alleine. Statt mit fremden Menschen im Park zu joggen, renoviere ich mit Ozie unsere Bude oder es entfällt auf meinen derzeitigen Nebenjob, bei dem ich das Auto öfter verlassen muss, als das im Taxi der Fall ist. Wo ich aber auch noch arbeite.

Das Einzige, was derzeit ernsthaft zu kurz kommt, ist das Bloggen. Und dieser Text ist der Anfang, um auch das zu ändern.

Ich bin ein Ex-Raucher mit Asthma und 50 kg Übergewicht, der als Raucher mit Asthma und 70 kg Übergewicht gestartet war. Bis ich mir Klamotten beim H&M kaufen kann, wird noch gut ein Jahrzehnt vergehen. Wenn's denn je der Fall sein wird. Aber wenigstens bei meinem FitBit musste ich nix umstellen. Das standardmäßige 10.000-Schritte-Ziel für ganz normale Menschen erreiche ich dort. Ohne in die Übergrößenabteilung zu gehen, ohne eine Ausnahmegenehmigung zu beantragen, ohne einen zweiten Sitzplatz mitbezahlen zu müssen. Und auch wenn das eigentlich noch viel zu wenig aussagt über mich, mein Leben und was ich gerade mache: Ich freue mich, dass dieses kleine Stück Elektronik mir gerade bei dieser Geschichte völlig neutral eine Hilfe ist.

*Es ist ein FitBit Flex 2 (Amazon-Ref-Link)

Disclaimer: Das ist keine bezahlte Werbung, nur ein Kauf über den Amazon-Link würde mir ggf. Geld bringen.