Das mit dem Nabel

Wenn man das erste Kind bekommt, ist man ja ohnehin umfangen von esoterischem Nonsens. Viele völlig normale biologische Prozesse werden mit Bullshit-Vokabular versehen und zudem nett umschrieben.

Wie z.B. das so grob mit der Nabelschnur ist, haben wir alle mal im Biologie-Unterricht gelernt. Aber wenn man sich dann mal anschickt, das live zu erleben, erfährt man im Wesentlichen nur, dass es heute gerne den Vätern vorbehalten wird, die Nabelschnur zu durchtrennen. Weil das total hilfreich für Bindung und Beziehung sein soll, etc. pp.

Ist ja auch richtig und ok.

Aber dann hat man plötzlich eine ungeplante Kaiserschnitt-OP, alles ist ein wenig hektisch und am Ende bekommt man phne Gebrauchsanleitung ein Baby ausgehändigt, an dem ein Stück Nabelschnur hängt, das einfach nur abgeklemmt ist. Und weil das noch nicht seltsam genug ist, wird einem eventuell auch nichts weiter dazu gesagt und das Ding fault mit der Zeit einfach ab.

Das mag einen nicht unbedingt beunruhigen, denn man hat ja damals im Unterricht und ggf. bei diversen Kursen aufgepasst. Aber ein Baby daliegen zu haben, das man nicht am Bauch streicheln kann und das gerade eine Art Werbekampagne für Nekrosen fährt, ist halt auch nur so mittel.

Wir haben im Vorfeld viel gelesen und wir wussten durch all die Ärzte und Hebammen zu jeder Zeit, dass das so wie es ist in Ordnung ist. Der Herr Baby hat sich überhaupt nicht dran gestört und am Ende ist alles genau so abgestorben, wie es absterben sollte. Also die Nabelschnur, ohne das Baby im Ganzen. Aber ja, es färbt sich eklig-schwarz und fällt irgendwann ab.

Ich will nicht einmal sagen, dass das irgendwie schlimm war, aber wir sehen das durchaus als ein Symptom einer ziemlich abgefuckten Geschichte: Dass Schwangerschaften und Geburten auch heute noch unnötig mystifiziert und schöngeredet werden, dass das alles nur rosagoldgelbes Knuffelschnuffel sein soll.

Dank den Hormonen stimmt das für die meisten Eltern ja in Teilen auch, aber trotzdem ist all das auch ein aufwändiger biologischer Prozess, der halt nicht ohne Schmerzen, Schleim und Showeffekte auskommt. Da stirbt halt mal auch was ab.

Eigentlich hoffe ich, dass es für diesen Text keine Zielgruppe mehr gibt. Wir haben 2018, inzwischen interessieren sich die Väter für die Kinder und Frauen dürfen sogar gelegentlich sagen, wenn ihnen was wehtut. Aber selbst wir zwei hier haben uns bei der Nabelgeschichte erwischt gefühlt, waren verunsichert und sehen rückblickend eigentlich nicht ein, warum das so sein musste. Deswegen der Eintrag hier.

Und bevor sich jemand sorgt: Der Herr Baby hat inzwischen selbst die letzten Schorfreste im Nabel hinter sich gelassen, lässt sich am Bauch streicheln und gluckst gelegentlich sogar dabei.

Alles rosagoldgelbes Knuffelschnuffel also.