Die 1000€-Glühbirne

Ich muss reden. Es geht um unseren Herd. Unser Herd ist eines der unspektakulärsten Stücke Elektrogeschichte dieses Planeten. Da in Berlin Herd und Spüle zur Wohnungsausstattung gezählt und vom Vermieter gestellt werden müssen, wir aber in einem sehr günstigen Eck von Berlin wohnen, ist unser Herd sehr günstig. Seine einzige Spezialfähigkeit ist kleiner als ein normaler Herd zu sein, was selbst unsere kleine Küche als Beleidigung verstehen dürfte.

Nun hat sich unser Herd irgendwann zu Beginn des letzten Jahres, also 2017 einen kleineren Mangel eingefangen. Gleichermaßen unwichtig wie wichtig: Die Betriebsleuchte ging kaputt. Bzw. wie im folgenden Bild zu sehen ist: Es ist nicht einmal die Birne selbst, die nach 9 Jahren den Dienst quittiert hat, sondern irgendwann hat sich die Plastikverkleidung gelöst, ist wahrscheinlich in den Herd gefallen und hat die Beleuchtung mit sich gerissen.

Martialische Worte, wenn man bedenkt, dass nix davon auch nur einen ganzzahligen Centbetrag kosten dürfte.

 Herdlicht, ehemaliges. Quelle: Sash

Herdlicht, ehemaliges. Quelle: Sash

Da zudem mal wieder die Zahlen an den Drehknöpfen ausgeblichen waren, griff ich zeitnah - also im August etwa - zum Hörer und rief den Hausmeister an. Wie gesagt: Vermietersache. Sonst hätten wir das schnell selbst erledigt.

Der Hausmeister war erst nicht erreichbar, dann erreichte ich unter seiner Nummer wen, der mir sagte, ich solle den Hausmeister anrufen (WTF?), dann wieder ging er ran, leitete den Auftrag weiter und nix passierte ... und auch ich hatte mit mehreren Reisen, einer schwangeren Frau und null Bock gute Gründe, nicht alle zwei Tage dort vorstellig zu werden. Die Monate zogen ins Land, der Herd blieb "kaputt", wir haben (wie oben noch gut zu erahnen ist) das Loch, wo die Leuchte saß, mit Panzertape überklebt. Kein Drama, aber wer hat noch nicht mal versehentlich eine Herdplatte angelassen? So eine Power-Leuchte ist nicht nur Zierde.

Nach ewigem Hin und Her wurde es dann Januar 2018 und das mit einem Handwerker-Termin klappte endlich. Inzwischen hatten ich und der Hausmeister gefühlt jeder schon 20 Stunden investiert. Wobei ich wenigstens weiß, was ich gemacht habe.

Naja, die Elektriker stürmten unsere gerade in der Renovierung befindliche Wohnung, wechselten die Drehknöpfe aus, guckten sparsam und sagten, dass sie für die kleine Leuchte den Herd aus der Küchenzeile entfernen müssten.

Nun sind wir vielleicht Chaoten, aber dass man einen Herd mit Silikon grob umfugt (Hihi, grober Umfug!), um wenigstens das Verschwinden halber Brathähnchen zu vermeiden, hatten auch wir bereits verinnerlicht. Und da die Handwerker gerade eh keinen Ersatz für Birne oder Abdeckung dabei hatten ("Wir müssen uns das ja auch erst einmal angucken."), haben wir ihnen nicht erlaubt, das heilige Silikon zu zerteilen.

Wenige Wochen später war dann aber auch die Küche mit der Renovierung dran.

 Küche, fast fertig. Quelle: Sash

Küche, fast fertig. Quelle: Sash

Also rief ich frohen Mutes wieder den Hausmeister an ...

Man muss anmerken, dass es natürlich kostet, sich andere Elektriker zu holen und dass die zuständigen das aber nur machen, wenn sie einen Auftrag vom Vermieter haben, weswegen ich eben den Hausmeister anrufen musste. Wenn's klappt kein Problem, aber ich bin da wohl in eine Phase von überhöhtem Alkoholkonsum oder gesteigerter Selbstverleugnung an ihn geraten, denn jedes Mal gab es andere Ausreden. Mal war er nicht der Hausmeister, mal leitete er es nicht weiter, mal hatte es wohl die Firma versemmelt, mal war "halt gerade sehr viel los". Letzteres bedeutete dann auch, dass ich "mal so 4 bis 8 Wochen" warten sollte, weil's halt kein echter Notfall war.

"Seien Sie mal froh, dass ihr Herd wenigstens noch tut. Ihr Nachbar zum Beispiel ..."

Als ich vor einer Woche nach eher so 12 Wochen wieder angerufen habe, hatte ich innerlich mit der Sache abgeschlossen. Der Hausmeister war ein Comiccharakter und ich der Typ auf der Suche nach dem Passierschein A38. So hat es mich auch nicht überrascht, dass er dieses Mal sagte, ich solle doch, wenn nix passiert, spätestens nach zwei Wochen nochmal anrufen, weil dann wohl was nicht geklappt hätte. Aber egal, er hat zum gefühlt zwölften Mal den Auftrag rausgegeben.

Dieses Mal meldete sich auch umgehend ein Elektriker, wir machten für nächsten Tag einen Termin aus und der kam sogar. Aber bevor mich jemand falsch versteht: Das ist alleine noch kein Erfolg. Denn obwohl er zu der Firma gehört, die vor einem halben Jahr schon mal hier war, - bzw. vielleicht war er es sogar selbst - und obwohl ich inzwischen im Schlaf die Spezifikationen des Herdes und das Problem darlegen konnte, musste er ja erst einmal vorbeikommen, um sich das anzusehen. ("Na, so eine Lampe hab ich jetzt eh nicht dabei ...")

Während ich also inzwischen 30 Stunden mit Telefonieren (Was meint ihr, wie oft ich niemanden erreicht habe ...) und der Hausmeister mit Delegieren zugebracht hatten, war nun also auch noch eine weitere Stunde für einen Elektriker angebrochen, der dann auf die übliche Wie-alt-ist-denn-der-Herd-Antwort mal so nebenbei meinte:

"Na, so gut sehen die Platten ja auch nicht mehr aus ... sollen wir vielleicht einfach einen neuen Herd ...?"

Und jetzt sind die Elektriker wieder da. Das ganze Schauspiel, das im Wesentlichen dazu dient, dass niemand zu schnell und zu leichtfertig teure Ausgaben zu Lasten unserer Wohnungsbaugesellschaft macht, hat nach zig Personalausgaben, einem knappen Jahr Zeitaufwand nun das absurde Ergebnis, dass wir wegen einer einzelnen Glühbirne einen neuen Herd kriegen.

Vielleicht gibt es ja doch einen Gott und er hat sich inzwischen Loriot in den Beraterstab geholt.