Mutterliebe!? #SpruecheUnsererMuetter

Bei Twitter trendete in den letzten Tagen der Hashtag #SpruecheUnsererMuetter Obwohl das stellenweise schwer einzuordnen war, stellte sich schnell heraus, dass der Hashtag eigentlich gedacht war als Sprachrohr für all jene, die eine alles andere als schöne Kindheit hatten, deren Erfahrungen im Elternhaus geprägt waren von Gewalt, jetzt mal egal ob physisch oder psychisch.

Ich habe das glücklicherweise rechtzeitig mitbekommen und deswegen gar nix unter dem Hashtag gepostet, denn das wäre mir nicht zugestanden.

Ich will meine Mutter, bzw. meine Eltern da nicht reinwaschen. Ich bin in den frühen 80ern Kind gewesen und zumindest das mit dem "erzieherisch wertvollen Klaps auf den Po" hab ich mitmachen müssen, ganz gewaltfrei war damals noch wesentlich linker als meine Eltern es waren.

Weswegen ich trotzdem nix zu dem Hashtag beitragen will, ist jedoch ganz klar: Weil ich mich nicht erinnern kann, dass meine Eltern mich jemals in irgendeiner Form systematisch drangsaliert haben. Wenn es (Und ich betone es hier ganz klar: UNGERECHTFERTIGT!) was auf den Hintern gab, dann weil ich oder mein Bruder irgendwas "schlimmes" oder "falsches" getan hatten, nie, weil unsere Eltern uns zu verstehen geben wollten, dass wir grundsätzlich irgendwie falsch/dumm/böse/unerwünscht wären.

Ich hatte eine glückliche Kindheit, ganz ehrlich. Natürlich mit Höhen und Tiefen, aber trotzdem insgesamt glücklich. Meine Eltern mögen nicht immer den angemessenen Ton gefunden haben, aber sie haben mich und meinen Bruder geliebt. Und  soweit ich das aus Erzählungen weiß, war das bei Ozie noch einmal mehr so. Deren Eltern waren (ein paar Jahre später) sogar wirklich schon so weit, auf Gewalt komplett zu verzichten.

Ich gebe zu, dass ich nicht extrem viele Gegenbeispiele persönlich kennengelernt habe, aber ja, ein paar "Verstoßene" waren schon dabei, Prügel als Strafe kenne ich aus Erzählungen als Alltagsgeschichten.

Sowas ist mir unbegreiflich und ich verurteile es zutiefst, aber ich will an dieser Stelle auch einen sehr persönlichen Dreh finden, der mich und Ozie als Erstlingseltern gerade betrifft und der nicht minder absurd ist: Die Überbewertung von Dingen wie "Mutterliebe".

Ich weiß, dass das hart klingt und ich kann nur immer wieder betonen, wie sehr wir beide Herrn Baby lieben und das Beste tun, damit sein Leben noch dreimal besser wird als unseres.

 Meine Mutter, Elke Blömer, geb. Kasner 2001: Tolle Mutter, leider alkoholsüchtig. Quelle: Sash

Meine Mutter, Elke Blömer, geb. Kasner 2001: Tolle Mutter, leider alkoholsüchtig. Quelle: Sash

Aber vielerorts (und da möchte ich anmerken, dass ich o.g. Hashtag nur als Aufhänger und nicht als Beispiel genutzt habe!) findet auch eine antiemanzipatorische Überhöhung dessen statt, was gerne als Mutterliebe bezeichnet wird: Nämlich die völlige Unterordnung der Frau unter ihre Rolle als Mutter.

Das klingt technokratisch, aber es ist nunmal so, dass Babys verdammt stressig sind und Frauen nicht immer völlig Herrin der Lage. Rein organisatorisch. Es kommt vor, dass einen der eigene Nachwuchs überfordert oder man sogar aufgrund eigener Probleme nicht in der Lage ist, eine angemessene "Menge" Liebe an die eigenen Kinder weiterzugeben. In manchen Fällen wird das halbwegs akzeptiert, aber wir hier kennen die andere Seite: Unser kleiner Herr Baby hat keine Omas, und zwar weil sowohl meine Mutter als auch Ozies Mutter schon lange tot sind, und zwar ausgerechnet aufgrund zweier Krankheiten, die viele Menschen hierzulande (im Alltag) nicht als solche anerkennen:

Ozies Mutter starb lange bevor wir uns kennenlernten durch einen Suizid, der einer Schizophrenie geschuldet war und meine Mutter starb 2009 an den Folgen ihrer Alkoholsucht.

Und keine Frage: Wir beide haben Erinnerungen an unsere Mütter, die nicht sonderlich schön sind, aber wenn man die Krankheiten abzieht, bleiben uns beiden überwiegend sehr positive Erlebnisse, die wir abgespeichert haben.

Deswegen ist das überhaupt kein Jammertext, denn uns dreien hier geht es gut. Aber ja, wir sind jetzt als frischgebackene Eltern vorsichtig geworden, denn egal ob es um Mutterliebe, Muttermilch oder Muttergefühle geht: Überall wird einem erzählt, dass genau das der Schlüssel zum endgültigen Glück sein soll.

Und das ist Bullshit! Unsere Mütter waren beide sehr engagierte, progressive und liebenswerte Menschen, die für ihre Kinder im Grunde alles getan hätten, es aber nicht konnten. Und noch einmal mehr: Ich schreibe das nicht, um den Eindruck zu erwecken, dass andere "sich doch nicht so haben" sollen! Ich möchte deren Erfahrungen nicht herabwürdigen und ich bin felsenfest überzeugt davon, dass man ihnen zuhören sollte. Das ist keine "Wir gegen Die"-Sache! Ich weiß, dass das missdeutet werden könnte, aber das ist kein Äquivalent zu "Es gibt keine weißen Privilegien, denn ich bin weiß und trotzdem scheiße!*". Allen Gewaltopfern stehe ich solidarisch zur Seite, Punkt!

Trotzdem ist es falsch, das alles auf die Mütter (eigentlich: die Eltern, aber seien wir ehrlich, soweit sind wir noch nicht!) abzuwälzen! Es geht ums Wohl der Kinder, und leider muss man auch heute noch anmerken, dass das nicht das selbe ist. Das Wohl der Kinder kann auch durch Onkel, Großeltern, Lebenspartner oder sonstige Menschen gewährleistet werden. Je mehr Liebe da ist, desto besser, keine Frage! Aber hört verdammt nochmal auf, da Müttern die Alleinschuld (Und ja: SCHULD - denn wenn alles gut geht, sind andere ja gerne willkommen!) aufzubürden. Sie sind auch nur Menschen und haben entsprechend auch ein eigenes Leben!

*Der Witz war beabsichtigt